Die Seele, die nachts noch
nicht schläft
Autor: Li
Zhenhua
Übersetzer: Katharina
Schneider-Roos und Olivier Roos
In welchen Zeiten Club-Kultur im Aufwind ist und in welchen Zeiten im Niedergang, ähnelt der Situation in Sanlitun, wo die Bars alle drei Tage den Wirt wechseln – siegreich bleibt auf dem Markt wohl einzig der Hausbesitzer!
Club-Kultur ist auch zu
einem überteuerten, regulierten, von einem abartigen Konsumentenkonzept
gemischten Cocktail geworden, zu einem Angebot zwischen rot und grün, das man
den Konsumenten vorsetzt, ohne Bedienungserfahrung zu haben. Selbstverständlich
ist es nicht nötig, dass der Wirt zuvor je eine Bar geführt hat. Neuheit,
Einträglichkeit, Hochklassigkeit, das ist es, worauf die Besitzer aus sind. Ein
Club muss sich nicht spezialisieren, aber alle Clubs in China haben etwas
Einzigartiges, ja, in der Tat erfreut sich daran niemand mehr als die Chinesen.
Solange sie sich nur wohl fühlen, kann man ihnen alles zu einem Drink mixen, so
wie im von der alten Gesellschaft oft erwähnten Schlaraffenland, bloß mit dem
Unterschied, dass damit einzig aufs Essen und Trinken Bezug genommen wurde,
während die wahre Behaglichkeit, der wahre Kapitalismus erst heute erreicht
ist!
Clubs erfüllen alle nur
erdenklichen Funktionen. Jeder kann sich das Gefühl erkaufen, ein Clubmitglied
zu sein. Sportclubs stellen z.B. eine neue Welle in der aufblühenden Club-Kultur
dar. Oft trifft man Freunde, die in der größten Sommerhitze einen Packen Zeugs
mit sich tragen und zum Bodybuilding gehen. In ihren Augen schimmert ein Glanz
von Weisheit. Am Heimweg sind sie immer ein wenig kurzatmig, außerdem sehr
wortkarg. Die durchgestandene physische Anstrengung macht sie im Vergleich mit
denen, die keine körperliche Arbeit verrichten, edler. Eine Gesellschaft, in der
niemand ausgebeutet und unterdrückt wird, ist ungleich und pathologisch. Wir
verwenden große Mühe darauf, uns zu ermüden und etwas zu leisten, denn allem
Anschein nach hat dies Vorteile für unsere Gesellschaft. Die ausgetobten
Jugendlichen haben weniger Zeit zum Nachdenken als die Alten. Viel Nachdenken
kann dazu führen, dass man Gespenster sieht. Und Gespenster begleiten uns
Unglückliche immer. Wenn man Arbeit aufwendet, muss man sich auch Zeit zum
Nachdenken abringen. Ich glaube keineswegs, dass Nachdenken von Nutzen ist, sehr
wohl jedoch, dass man es im Alter bereuen könnte, nicht zu reflektieren, was man
täglich tut. Diese Erfahrung ist die Lösung, welche die noch nicht verstorbenen
Alten, die damals noch keine Clubs kannten, und nur gutes Essen und ein
angenehmes Leben kennen, für uns bereithalten. Eigentlich war ihr Leben extrem
ungesund, und die Klage wurde ihre einzige Möglichkeit des körperlichen
Trainings, weil sie ihre Beine schon nicht mehr heben und ihre Hüften nicht mehr
beugen können. Alte Frauen sind noch viel brauchbarer als alte Männer. Sie
übernehmen sogar bis heute freiwillig die mühselige Arbeit, das Volksvermögen zu
bewachen. Unverdrossen kümmern sie sich um die eigenen und um fremde Kinder. Die
Besonderheit alter Frauen sind ihre kleinen Füße, ihr ewiger Sarkasmus und ihre
abweichende Meinung.
Doch ich schweife vom Thema
ab. Es gibt noch zahlreiche andere Kategorien von Clubs. Nehmen wir solche, die
mit Musik zu tun haben. Es liegt auf der Hand, dass damit keine Karaoke-Lokale
gemeint sind, sondern solche Clubs, die globalen Trends folgen und von Discos
umgewandelte Club-Kultur anbieten. Karaoke-Lokale sind eine Besonderheit unserer
Kultur. Karaoke ist eine echte zeitgenössische chinesische Aktivität und ein
Fortschritt, es ist das Erwachen der so lange eingesperrten Menschen. Klar,
dieses Erwachen brachte für Normalbürger eine Zeit lang die Grundlage, sich als
Kunde und Kaiser oder Hausherr zu fühlen. „Lärmbelastung“ und ähnliches
Vokabular gehören zum Wortschatz jedes einfachen Hausbewohners. Das zeigt, dass
sie wirklich verstanden haben, ihre Rechte zu verteidigen. Und dieses Recht
schränkt die im Vergleich mit einzelne Individuen mächtigere Club-Kultur ein und
tut das außerdem sehr effektvoll. Egal, wie hemmungslos man zu Hause auch
schreit, werden die Nachbarn nur durch Klopfen auf den Boden oder die Wand auf
die Zeit hinweisen, oder dich daran erinnern, auf deine Gesundheit zu achten,
oder gutgemeinte Ratschläge erteilen, z.B. dass man morgen ja zur Arbeit
müsse.
Deshalb hat die Club-Kultur
auch nichts mit den einfachen Leuten oder mit den Alten zu tun. Manche wollen
nur ihr Recht behalten und beharren auf ihrem Standpunkt, wenn es um die Frage
der Lärmbelästigung geht. Das ist auch eine Seite der Club-Kultur. Ich weiß,
diese Formulierung ist ein wenig grausam. Man muss schon auch die Kader, die
nicht zugeben wollen, dass sie schon alt sind und die Volksmasse mit
einbeziehen. Deshalb hat die Club-Kultur auch eine extrem kapitalistische Färbung. Außerdem ist sie keine
Massenkultur. In der Massenkultur existiert der Begriff Club nicht. Leute, die
noch keinen Club besucht haben, kennen „Kopfschüttelpillen“ vielleicht auch,
weil sie u.a. einen Status, Geld und vor allem die Fähigkeit, sich zur Schau zu
stellen, verkörpern. Diese Fähigkeit bringt einen nicht nur manchmal um, sondern
noch viel mehr bekommt man Halswirbelfolgekrankheiten, oder Gehirnblutungen,
Alterssymptome, die man später nur sehr schlecht behandeln
kann.
Disco
Die Disco schaffte es schon
ziemlich früh nach China. Zuerst war es eine Art von Ventil, das sexuelle
Konnotationen in Aufgeschlossenheit verwandelte und durch Verkrümmungen des
Körpers Blockaden abbaute. Beim Tanzen war es wichtig, mit dem Hintern zu
wackeln und alle dümmlich anzulächeln. Fast alle Leute sind unter solchen
Umständen sehr leidenschaftlich. Das passte zum chinesischen Geschmack. Der DJ
durfte natürlich nicht fehlen. Um die Tänzer noch anzustacheln in ihrer
Erregung, schrie er in die Menge. Es ist ein bisschen wie wenn Freunde zu Besuch
kommen, man sich über die letzten Gerichte hermacht und dazu Karaoke braucht.
Mit der Hilfe von Alkohol kommt Schwung in die Bude und man singt „Schwester
Duan, setze dich ins Boot, dein Bruder geht am Ufer entlang.“ Diese zwei
Situationen sind nicht sehr ähnlich, aber wenn man die Erfahrung gemacht hat,
merkt man, dass da gar nicht so viel Unterschied ist. Der Unterschied liegt
darin, dass einer Geld ausgibt und die Gelegenheit hat, sich sehr besonders zu
fühlen. Der andere gibt kein Geld aus, und auch wenn er sich noch so besonders
gibt, ist er nur zu Hause. Die Disco bietet den Jungen, den Rebellierenden und
den Energiegeladenen einen Hafen. Disco verwandelte sich in nur wenigen Jahren
von einer Untergrundform zu einer Mode
(Man dachte es wäre ein erotisches Treffen und wäre unlöslich mit
Darkroom-Tänzen verbunden. Männer und Frauen trafen sich dort und der Musikpegel
überstieg die Empfindlichkeitsgrenze der Nachbarn. Deshalb wurden solche
Tanzparties in den noch nicht so aufgeschlossenen 80er Jahren oft verboten.)
Veränderung wurde zur Mode, und der begleitende Geist des Punks kam wohl nicht
zufällig auf. Nur wenn etwas schon einen Rückhalt in der Masse hat, kann es sich
so schnell verändern!
Die Disco hat sicher nicht
den Tagesablauf vieler Menschen verändert. Meistens schlossen sie um Mitternacht
die Tore. Auch wenn es noch so in war, konnte man sich nicht daran gewöhnen,
eine ganze Nacht nicht zu schlafen, wie es heute üblich ist. Im Normalfall
wurden die Gäste um 20.00 eingelassen, und um zwölf war Schluss. Das zeigt die
Vergnügungsweise der damaligen Generation. Genau genommen waren sie noch immer
auf der Suche nach Stärke.
Rave
Rave kam erst in den letzten
zwei Jahren auf. Auch wenn etwas sehr in Mode ist, macht es schnell einen
Alterungsprozess durch. Viele Leute sehen keinen Unterschied zwischen Rave und
Disco. Vielleicht wurden bloß die DJs durch noch coolere ersetzt. Die Bewegungen
wurden auch cooler und mechanischer. Nur Leute, die mit der Entwicklung des Rave
vertraut sind, wissen, aus welchem Milieu er kommt: nämlich aus den ungehorsamen
Mittelstandsfamilien des Westens. Als der Rave ein Luxusgut, eine Mode wurde,
verschwand sein rebellischer und verkommener Charakter. Für manche Raver war es
ein affektierter Untergang ohne harte Drogen. Ihre Augen waren starr und
ausdruckslos. Für andere waren die Drogen ein Deckel auf ihre leeren
Augenhöhlen. Das Wort „Rave“ wurde in kurzer Zeit zu einem Modewort, hatte aber
keinen Rückhalt in der Masse. Im Gegensatz zu Karaoke hatte es nicht den
Charakter der Heimunterhaltung, es hatte auch einen anderen Anspruch. Rave ist
immer das, was auf durch Drogen hervorgerufenes Geschwafel folgt, es ist der
Geist, der in der dunklen Nacht alles vergisst, es ist die Ausrede, sich nach
der Disco cool zu geben, es ist eine Möglichkeit, sich dumm zu stellen. Alles in
allem kann man sagen, dass die Leute Rave an sich schon veränderten, bevor sie
sich an die westliche Art des mechanischen Tanzens gewöhnt hatten. Daran ist
auch nichts negativ; wir haben schon immer alle Dinge, die die chinesische
Kultur beeinflussten, so verwandelt, dass sie ein wenig vom Original abweichen.
Rave wurde noch einmal durch Disco-Erscheinungen, wie z.B. ins Mikrofon zu
schreien, ersetzt, und darüber hinaus auch durch „Kopfschüttel-Pillen“- Musik.
Der gleiche DJ, der gleiche Veranstaltungsort, die gleichen Leute, können, auch
wenn sie wollen, nicht direkt wie ein Flugzeug von Beijing nach New York
fliegen. In den letzten Jahrzehnten erfuhren wir verschiedene Kulturanstürme.
Was bleibt davon? Es kann doch nicht alles Müll gewesen sein! Es gibt immer
Überraschungen. Uns begleiten nur wechselhafte Formen. Das Mechanisierte,
Unüberlegte ist die heilsame Medizin dieser Zeit, die uns betäubt und unsere
wunderschöne Jugend vergessen lässt oder alles Brennbare verbrennt, was die
Jugend bietet. Sie führt die Leute von einer romantischen Gefühlslage zum
Wiedererwachen, nachdem sie dazwischen bis zum Äußersten gegangen sind. Wenn sie
wieder zu Bewusstsein gelangen, ist die Welt schon 2 Tage gealtert. Diese Welt
hört nicht wegen deines kleinen Aufenthalts zu drehen auf, und du wirst auch
nicht wegen ihrer kleinen Umdrehung verloren gehen. Die Beständigkeit der Zeit
und die Vergänglichkeit des Lebens können nicht erklären, wie das Heute so ruhig
sein kann.
Clubs und
Bars
„Club“ und „Bar“ sind die
geläufigsten Bezeichnungen. Wenn man einem Taxifahrer den Namen einer Bar sagt,
bringt er einen problemlos dorthin. Außerdem kommt es nie vor, dass man nicht
mitgenommen wird. Die Namen von Clubs und Bars folgen auch verschiedenen Stilen.
Manche sind Folk (amerikanischer Stil), manche elektronisch (englischer Stil),
andere Pop (chinesischer Stil). Die meisten haben Sänger, bei denen man Lieder
bestellen kann wie beim Karaoke. Eigentlich hat China keine Barkultur, man kann
allenfalls von Weinstuben-Kultur sprechen. Diese ist unverfälscht, sie verbindet
die Besonderheiten von Weinstuben und Teehaus. In Bars und Clubs fühlen sich
Chinesen unweigerlich unwohl, mit einem Wort, sie können sich nicht entspannen.
An solchen Orten trifft man die verschiedensten Leute: Berühmtheiten,
Geschäftsleute usw. In der Club- und Bar-Kultur, die Trendiges und
Spießbürgerliches nebeneinander bestehen lässt, muss man mit der Mode gehen und
Karaoke singen. Die Qualität von Clubs und Bars zeigt sich darin, ob etwas los
ist oder nicht. Das gilt für die ganze Welt.
Dongzhimen in der Nacht und
die kopfschüttelnden Menschen
Es gibt keinen wahreren Ort als Dongzhimen. Leute auf der Suche nach dem wahren Ich finden es nach dem Disco-, Bar-, Club- oder Karaoke-Besuch in Dongzhimen. Hier ist ewiger Verkehrsstau, die verschiedensten Restaurant füllen sich erst nachts. Erst hier begegnet man der Essenz chinesischer Kultur, wie sie im folgenden Sprichwort zusammengefasst ist: „Für das Volk ist Essen das Paradies“. Auch wenn man sich noch so verstellt, kann man die Bedürfnisse des Magens nicht ignorieren. Außerdem liegt im rot-grünen Cocktail-Gebräu weniger Wahrheit als im klaren Schnaps. Süßes oder Saures ist lange nicht so erfrischend wie die Schärfe harten Alkohols.
Hier erst trifft man Gott und die Welt. Autos beleuchten jedes Wochenende die Straße und fahren hin und her. Erst wenn sie müde sind, halten sie an. Die Essenden haben eine ähnliche Psyche: Das betäubte Hinterhirn kann den Appetit nicht mehr beurteilen, alles Essbare wird bestellt und nach dem Auftischen in den Mund gestopft. Die einen Gäste sind wirklich hungrig (die, die sich physisch anstrengen), andere leiden unter kurzzeitig abnormaler Urteilskraft, hervorgerufen durch exzessives Kopfschütteln. Eine dritte Kategorie sind die Stimmungsmacher, die überall dabei sind, wo etwas los ist. Hier gibt es kein Karaoke und auch keinen ohrenbetäubenden Techno wie in Clubs. Aber meiner Meinung nach ist dies der wahre Ort der Kultur: ein vermischtes, ungeregeltes menschliches Panorama. Jeden Abend verkeilen sich hier 10‘000 Autos, werden 100‘000 Langusten getötet und verspeist und wagen sich 1 Million Kakerlaken auf die Straße, geschäftig zwischen Autos und Tellern herumkriechend...
1)
San
Litun-is the first bar street in Beijing
2)
Dong
Zhimen-is the night street of Chinese food street open 24 hours, called The
Ghost Street